Medizininformatik auf der CeBIT: Telemedizin für die Ärmsten

Marius Liefold, Dennis Wagner und Alexander Prokraka sind seit heute auf der CeBIT in Hannover und stellen dort ihren Telemedizinkoffer mTriage+ vor. Wir haben mit den dreien gesprochen:

 

 

Dennis Wagner und Marius Liefold auf der CeBIT 2017

THB: Könnt ihr euch kurz vorstellen?

Ich bin Marius Liefold, Medizininformatiker, M.Sc., aus Brandenburg an der Havel und Vizepräsident von Rotaract Brandenburg/Havel.

Mein Name ist Dennis Wagner. Ich komme ebenfalls aus Brandenburg an der Havel. Ich habe einen Master Abschluss in Informatik, mit dem Schwerpunkt Medizininformatik

Ich bin Alexander Pokraka. Ich bin Student im Master Informatik – aktuell im 2. Fachsemester.

THB: Und euer Produkt? Stellt es ebenfalls mal kurz vor: was kann es?

Marius: mTriage+ ist ein preiswertes, mobiles und modulares telemedizinisches System zur Unterstützung der medizinischen Versorgung von Patienten, vorrangig in Entwicklungs- und Schwellenländern. Grundproblem ist, dass es sehr viele kranke Menschen, aber nur wenig Ärzte gibt. Für uns war klar: wir brauchen ein benutzerfreundliches System, um Entscheidungen von Pflegekräften oder Gesundheitspersonal in Entwicklungs- und Schwellenländern zu unterstützen. Grundprinzip ist: mobile, einfache, modulare, robuste Gerätetechnik verknüpft mit  Vereinfachung und Automatisierung – und zwar von der Konfiguration bis zur Auswertung der Ergebnisse. mTriage+ zeichnet relevante Biosignale (EKG, Atmung, Blutdruck u.v.m.) auf, speichert und analysiert sie.  Anwender sind Krankenschwestern oder Medical Street Worker. Diese stehen immer wieder vor komplexen Entscheidungssituationen, die sie nicht ohne Hilfe beurteilen können. Hier bietet der mTriage+ automatisiert Informationen und Hinweise, ob eine Notfallsituation oder dringender Handlungsbedarf besteht. Außerdem schlägt mTriage+ das weitere Vorgehen vor.

Dennis: Zur effizienten und standardisierten Eingabe verwenden wir für die Eingabe der Symptome und Diagnosen einen Barcode-Scanner. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit via E-Mail oder Video Kontakt mit einem Arzt aufzunehmen. Die Grundkonfiguration lässt sich auf verschiedenste Indikationen wie Infektionskrankheiten oder Katastrophenmanagement ausweiten.

THB: Wie und in welchem Rahmen seid ihr auf die Idee gekommen?

Alex: Marius und Dennis hatten im Masterstudium das Studienfach telemedizinische Dienste belegt. Dort waren viele Studierende aus Kamerun. Sie hatten die Idee, etwas für die medizinische Versorgung in Kamerun zu entwickeln. Initial fokussierten wir uns auf den Schwerpunkt Müttersterblichkeit, da diese in dieser Region Afrikas weltweit die meisten Todesfälle zu verzeichnen sind.

THB: So habt ihr euch dann als Team gefunden?

Dennis: Marius und ich haben zusammen studiert. Im Bachelor Studium Medizininformatik hat sich dann so eine Freundschaft entwickelt. Wir haben zudem im Studium immer wieder zusammen an Projekten gearbeitet und die sich ergänzenden Kompetenzen schätzen gelernt. Alex haben wir durch sein Pflichtpraktikum im Medizininformatik Bachelor kennen gelernt. Er hat bei unseren Mentor Prof. Dr. Thomas Schrader einen kleinen Server aus Raspberry Pis entwickelt. Dieser passte perfekt in das Konzept unserer Telemedizineinheit, da wir ein zentrales System benötigten, das die Daten mehreren Koffern untereinander synchronisiert und sichert. Seit dem Arbeiten wir Hand in Hand zusammen.

THB: Wie ist der aktuelle Stand?

Alex: Wir befinden uns alle in einer EXIST-Förderung. Das ist eine Maßnahme vom Projektträger Jülich (PTJ) und wird zu 75% aus EU-Fördermitteln getragen. Marius und Dennis sind als Alumni gefördert,  ich als (Master-)Student. Gegründet wird noch in diesem Jahr.

THB: Noch einmal zum Produkt – wurde es  auch schon außerhalb des Labors getestet?

Dennis: Prof. Dr. Thomas Schrader, Marius und ich waren Anfang 2016 in Kerala, Indien. Dort hatte eine NGO zwei Einheiten sowie einen Server für eine Pilotstudie erworben. Initial ist die Zusammenarbeit durch eine Publikation unseres Projekts bei der GMDS 2015 zustande gekommen. Dort haben wir einen Internisten aus Berlin kennengelernt, der  in dieser NGO tätig ist. In Indien waren wir ca. 3 Wochen und haben das System implementiert, die Abläufe vor Ort erfasst und das System darauf angepasst.  Und wir haben die Pflegekräfte vor Ort geschult. Ende des Jahres geht es dann nach Kamerun.

THB: Wie kam der Koffer an?

Marius: Hier haben wir die komplette Klaviatur an Erfahrungen erlebt. Das beste indirekte Kompliment hatte uns eine der Medical Street Workerinnen beschert. Sie ist Inderin, Mitte 40,  und hatte in ihrem gesamten Leben noch nie einen Computer in der Hand. Nach anfänglichen Problemen – sie wusste schlichtweg nicht, welcher Buchstabe wo auf der Tastatur ist - ist etwas sehr Bemerkenswertes passiert: sie ist nach einer Woche keine 10-Fingertipse geworden, hat aber durch die parallele Verwendung des Systems mitbekommen, dass es tatsächlich einen Mehrwert für sie generiert. Am Ende hat sie immer unseren Internisten weggeschubst und gemeint, sie mache das jetzt! Folglich hat sie aus eigener Motivation ihre Kolleginnen eingearbeitet und war gebannt vom System.

THB: Was sagen Ärzte, Krankenkassen und Helfer zu mTriage+?

Marius:

Ein wichtiges Werkzeug, um die Versorgung der Schwangeren systematisch zu verbessern. Prof. Lazare Kapute, Président de l'Université des Montagnes B.P. 208 Bangangté – Cameroun

Mich überzeugen die vielfältigen Möglichkeiten – anpassbar und kostengünstig! Prof. Robert J. I. Leke, Hopital Catnral Yaounde Gynécologue Obstetrician B.P.1935 Yaounde, Cameroun

Wir bereiten gerade die telemedizinische Versorgung für unsere Region Buea mit den mTriage-Koffern vor und denken über die Digitalisierung auch in unserem kleinen Krankenhaus nach. Damit hätten wir eine umfassende, preisewerte und noch weiter ausbaubare Lösung. Elvis Akomoneh Achondou M.D. Trust University Buea, Cameroun

Ich bin mir sicher, dass das Triagierungs- und Entscheidungsunterstützungsprinzip von 'mTriages' wesentlich zur Verbesserung der Versorgung chronisch erkrankter Menschen in Ländern mit limitierten Ressourcen beitragen kann. Timm Schneider, 2. Vorsitzender Samhathi Hilfe für Indien e.V. Vivantes Klinikum Berlin

THB: Was sind jetzt eure nächsten Schritte?

Dennis: Wir wollen das System als mobile und stationäre Version entwickeln. Das ganze System soll als Low-Cost Medizininfrastruktur konzipiert, entwickelt und verkauft werden. Das System soll einfach sein, keinem nützt vor Ort ein Krankenhausinformationssystem wie wir es in Deutschland kennen - das ist viel zu komplex. Es sind einfache, individuelle und preiswerte Produkte, welche in Entwicklungs- und Schwellenländern die medizinische Versorgung verbessern können. Wir werden eine Crowdfunding-Kampagne  starten und so Investieren gewinnen.

THB: Wo seht ihr euch in 5 Jahren?

Alex: Hoffentlich als erfolgreiche Unternehmer mit einem breiten Portfolio und vielen Kooperationen, besuchten Orten sowie vielen Systemen, welche den Menschen helfen gesünder und länger zu leben.

Vielen Dank. Wir wünschen Euch viel Erfolg!

 

 

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